Wer die Wohnmagazine der letzten fünf Jahre durchblättert, erkennt eine auffällige Spannung: Auf der einen Seite dominieren smarte Lautsprecher, automatisierte Rollläden und App-gesteuerte Heizungssysteme das Bild. Auf der anderen Seite tauchen immer häufiger Räucherkerzen, handgetöpferte Schalen und bewusst „analoge“ Wohnobjekte auf. Beide Strömungen existieren nicht gegeneinander, sondern nebeneinander. Das sagt einiges über den Zustand aus, in dem viele Menschen ihre eigenen vier Wände heute verstehen.
Smart Home: Vom Luxus zur Selbstverständlichkeit
Noch 2018 galt ein vernetzter Türklingelkamera-Verbund als Besonderheit. Heute gehören smarte Thermostate und Sprachassistenten in vielen Neubauten zur Standardausstattung. Laut Statistisches Bundesamt wurden 2023 in Deutschland rund 295.000 neue Wohngebäude fertiggestellt, ein erheblicher Anteil davon mit vorinstallierter Gebäudeautomation. Die Nachfrage zieht sich dabei durch alle Altersgruppen, nicht nur durch technikaffine Unter-40-Jährige.
Besonders der Energiebereich hat die Entwicklung beschleunigt. Steigende Nebenkosten haben viele Haushalte dazu gebracht, Heizung und Beleuchtung erstmals systematisch zu steuern. Ein programmierbares Heizsystem, das lernt, wann die Bewohner nach Hause kommen, ist kein Spielzeug mehr, sondern Haushaltskalkulation. Smart-Home-Plattformen wie Matter, der offene Verbundstandard, den große Hersteller gemeinsam vorantreiben, versprechen Interoperabilität dort, wo früher Inselösungen herrschten.
Das Problem hinter der Vernetzung
So praktisch die Automatisierung ist, sie hat eine Kehrseite, die Innenarchitekten und Psychologen gleichermaßen beschäftigt. Das permanent erreichbare, permanent messende Zuhause erzeugt eine neue Form von Daueraufmerksamkeit. Benachrichtigungen über den Wasserverbrauch, Feinstaubwerte im Schlafzimmer, der Akkustand des Saugroboters: Das Zuhause, das früher Rückzugsort war, wird zur weiteren Informationsquelle. Studien zur Technostress-Forschung zeigen, dass die subjektiv empfundene Erholungsqualität in stark vernetzten Umgebungen sinken kann, wenn keine bewussten Auszeiten gesetzt werden.
Dieser Befund hat die Einrichtungsbranche nicht unbemerkt gelassen. Seit etwa 2021 beobachten Trendforscher eine gegenläufige Bewegung: bewusst gewählte, langsame, sensorisch ansprechende Objekte, die keine Daten senden und keine App brauchen.
Der analoge Gegenpol: Warum Räucherobjekte boomen
Ein Beispiel, das sich in Magazinstrecken von „Schöner Wohnen“ bis „Living at Home“ zunehmend wiederfindet, ist der Räucherbrunnen. Kein elektrisches Gerät, kein WLAN-Modul, kein Display. Stattdessen: Holz oder Keramik, ein Räucherkegel, aufsteigender Rauch. Das Prinzip ist dasselbe wie bei einem klassischen Räuchermännchen, aber die Formsprache ist oft minimalistischer und raumgreifender. Wer gezielt nach solchen Objekten sucht, findet auf Plattformen wie Räucherbrunnen.de eine breite Auswahl, die zeigt, wie sich dieses Nischensegment ausdifferenziert hat.
Das Interesse ist kein Zufall. Duft als Stimmungsregulator ist gut dokumentiert. Ätherische Öle und Harze sprechen das limbische System direkt an, also jenen Teil des Gehirns, der Emotionen und Erinnerungen verarbeitet. Die Kombination aus Sichteffekt, Geruch und dem schlichten Ritual des Anzündens schafft eine sensorische Pause, die kein Smart-Home-System replizieren kann.
Biophilie, Materialität und das Comeback des Handgemachten
Der Räucherbrunnen steht stellvertretend für einen breiteren Trend, der unter dem Begriff Biophilic Design diskutiert wird: die bewusste Integration von Naturmaterialien, organischen Formen und lebendigen Elementen ins Wohnumfeld. Leder, Rattan, unbehandeltes Holz, Leinen ohne synthetische Beimischung. Auch Zimmerpflanzen haben sich in den letzten Jahren von der Dekoration zur gestalterischen Grundsprache entwickelt. Gärtnerische Fachverbände wie der Zentralverband Gartenbau berichten seit 2020 von anhaltend gestiegenen Absatzzahlen im Bereich Zimmerpflanzen und Sämereien.
Handgemachte Objekte, die Unregelmäßigkeiten zeigen, eine Keramikschale mit leichtem Schiefstand, ein Tablett aus gewachstem Holz mit sichtbarer Maserung, signalisieren das Gegenteil von algorithmischer Perfektion. Genau das scheint zu reizen. Der Markt für kleine, regionale Keramikwerkstätten ist seit der Pandemie deutlich gewachsen, Märkte wie Etsy verzeichneten 2022 europaweit Rekordumsätze in der Kategorie „Handgemacht“.
Wie beide Welten zusammenfinden
Das Interessante an der aktuellen Wohnsituation: Die meisten Menschen entscheiden sich nicht für eine der beiden Richtungen. Sie haben das smarte Thermostat und den Räucherbrunnen. Die Fußbodenheizung wird per App geregelt, der Abend beginnt mit einem Räucherkegel auf dem Couchtisch. High-Tech und Low-Tech schließen sich im Wohnkontext nicht aus, sie decken unterschiedliche Bedürfnisse ab.
Einrichtungsberaterinnen sprechen in diesem Zusammenhang von „intentionalem Wohnen“: der bewussten Entscheidung, welche Technologie ins Zuhause darf und welche ausgesperrt bleibt. Das Schlafzimmer bleibt bei vielen die „No-Screen-Zone“, während Küche und Wohnbereich vernetzt sind. Solche Regeln, die früher informell galten, werden heute als Gestaltungsprinzip formuliert.
Was bleibt vom Rückblick
Magazinrückblicke neigen dazu, Trends zu überhöhen. Nicht jedes Haus wird zum Smart Home, und nicht jeder Haushalt stellt einen Räucherbrunnen ins Regal. Was sich aber klar abzeichnet: Das Wohnen ist komplexer geworden, weil das Leben selbst komplexer ist. Die Wohnung muss heute Homeoffice, Erholungsraum, sozialer Treffpunkt und persönliche Rückzugsinsel gleichzeitig sein.
Gadgets helfen, bestimmte Abläufe effizienter zu gestalten. Analoge Objekte helfen, bestimmte Zustände überhaupt erst zu erreichen. Beide Kategorien haben ihre Berechtigung, solange sie nicht unreflektiert angehäuft werden, sondern einem tatsächlichen Zweck dienen. Wer das versteht, wohnt besser als jemand, der blind jedem Trend hinterherläuft, egal ob der Trend einen Stecker hat oder nicht.


